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Ein Reisebericht aus Künstlersicht: Jörgen Habedank über die Reise nach Sri Lanka mit dem Uetersener Verein Rosenkinder

Uetersener Nachrichten vom 23.3.2019 – bebilderter Artikel online bei der UENA

E s ist heiß. Durchgehend. In jedem Monat. Tag und Nacht. Nichts für norddeutsche Fischköppe sollte man meinen. Aber einen Versuch ist’s wert. Vielleicht fühlt sich der Nordfisch ja im feuchten heißen Klima quicklebendig? Aber wie bewegt er sich hier fort? Er muss Bus fahren – der öffentliche Bus überfüllt und natürlich ohne Klimaanlage. Der private Reisebus klimatisiert mit einem tollen Fahrer – ja, das könnte gehen. Welche Optionen bleiben noch? Das Tuk-Tuk, der „three-wheeler“: garantiert ruckelig schaukelnd, laut mit Zweitaktmotor für höchstens drei Passagiere plus Fahrer. Mit natürlicher Klimaanlage, also mit Fahrtwind. Dafür fährt dieses Gefährt überall hin. Der Fahrer wartet gegebenenfalls; er weiß ja um das Trinkgeld. Ansonsten? Mit dem Zug könnte es gehen, es gibt viele Verbindungen. Mit dem Fahrrad: zu gefährlich, denn der Verkehr ist für Europäer unvorstellbar anders und will gut geübt sein. Zu Fuß: wozu das – es gibt doch das Tuk-Tuk!

Also, im Bus durchs Land. Viel Grün, tropisches Palmen-, Bananen-, Jackfruchtbaum-, Schlingpflanzengrün. Dschungel. Regenwald. Weitgezogenes Flachland. Hochland mit weiten Teeplantagen. Landschaften wie in ein grünes Batikbad getaucht. Der Landschaftsstoff am Rand abgebunden, da bleibt er weißbeige: der umlaufende
Saum des Strandes. Aber um diese schönen Landschaften ungestört zu sehen bräuchte ich eine Drohne, eine luftige Position. Vom Bus aus: vornehmlich Bebauung. Fast überall sind die Straßen von mindestens einer Hütten- oder Neubaureihe gesäumt, der Blick ins Grüne verbaut. Das Land wirkt eshalb wie eine unendlich lange Stadtstraße, ein ausgedehntes Straßendorf, gebaut und verbaut entlang der erstaunlich gut ausgebauten Teerschlange durchs Grün. Ein unvorstellbares Konglomerat von Material: Stein, Holz, Bambus, Wellblech, Werbetafeln, Kokosschalen, Betonfertigteile (superhässlich!), Kokosblätter, Plastikfolien, -platten, -tüten, – behälter, -formteile. Die reine Kunst der Improvisation. Allerdings ohne jegliche Ästetik. Alles unfertig, die meisten Gebäude tragen oben freistehende Armierungseisen wie Kronen zukünftiger Möglichkeiten. Man könnte ja noch weiter bauen. Wer nicht fertig gebaut hat, zahlt keine Steuern – hat man mir erzählt. Frau Hansen, das wäre mal eine regionale Revolution!

Geräusche im Land

Hupen! Vor allem allgegen wärtiges Hupen im Verkehr. Bedeutet vielfältig: Achtung, ich überhole! Fahr links ran!
Linksverkehr! Achtung lieber Gegenverkehr, ich überhole, fahrrechtsran!Ichbiegeab! Ich grüße dich! Ich komme um die Kurve! Ich überhole den Überholenden–ist doch Platz genug (wenn der Entgegenkommende entsprechend mitspielt). Ich halte an. Mit geschultem Ohr könnte man fast nach Gehör fahren. Als unterlegter
Rhythmus: der Zweitaktmotor der Tuk-Tuks im Dreiviertel- oder Siebenachteltakt.

Besen, dauerndes Besen streichen. Der Kokosbesen streicht über Kies, Wege, Plätze; über den Tempelplatz, den Innenhof, die Straße. Blätter fallen ja beständig, es gibt keinen Herbst, in dem die geballte Ladung fallen könnte, sondern Blüten und Blätter fallen, „fallen wie von weit, aus ewig blühend Gärten, sie fallen mit bejahender Gebärde…“ – so hätte Rilke hier vielleicht gedichtet.

Vogelgesang, Menschenrufen, Hundegebell, das stakkatoartige Teckern der allgegenwärtigen Streifenhörnchen, buddhistisches Morgen- und Abendgebet tönt aus den öffentlichen Lautsprechern (nicht nur im Islam ist dies also üblich!). Zur Ruhe kommt man selten; zumindest dort, wo Menschen siedeln. Im Regenwald ist es dann intensivierter Vogelgesang, lautes Rufen, Grillen zirpen ein großes Konzert, Affen in der Ferne… – ach ja, die Antwort des lauten Beos von der anderen Seite fehlte noch; er fordert: Lausche! Höre! Schlafe nicht!

Menschen im Land

Sri Lanka gilt als Schwellen land. Viel Armut in der Bevölkerung, aber auch viel Reichtum bei einigen wenigen, die nun am Aufbau des Landes groß verdienen. Immer noch ist das Land spürbar (wenn auch kaum sichtbar) geprägt von der großen Tsunamikatastrophe, die ganz Südostasien eine neue Zeitrechnung brachte (vor und nach dem Tsunami). Überall sichtbar ist das sehr einfache Leben; der Versuch zu bauen, zu handeln, zu verkaufen. Gefühlt jede dritte Hütte an den Straßen hat einen Verkaufsstand: Obst, Gemüse, Nüsse, vielfältiger Fischfang, Kokosprodukte, die neuesten quietschbunten Plastikspielzeuge, Baumaterial, bunte Stoffe, Kleidung, Besen, Chipstüten, Lottozettel – kurz: Alles, was der Mensch unbedingt zum Leben braucht gibt es an der Straße.
Da das kleine Angebot des einzelnen Verkaufsstandes in der Summe aber längst die Nach frage übersteigt stehen überall Wartende neben dem Angebot. Es könnte ja doch jemand anhalten und etwas kaufen.

Überhaupt scheint man viel Zeit zu haben: man wartet auf den nächsten Kunden. Auf den nächsten Verdienst. Auf den nächsten Vollmond, der dann zum großen nächsten Gebet im Tempel aufruft. Auf das nächste Gespräch, auf die nächste Lieferung, auf den nächsten Stromausfall, auf morgen und auf übermorgen. Auf eine nächste gute Tat. Auf ein gutes Karma, das dann das nächste Leben erhöht. Die Menschen lachen in den Tag. Obwohl das
Leben sehr einfach und ärmlich ist, die Arbeit eher schwer in der brütenden Hitze, die Aussichten nicht vielversprechend – man zeigt sich freundlich, lächelnd, offenherzig. Erstaun lich! Liebe deutsche Mitbürger,
nehmt euch ein Beispiel daran und schaut euch häufiger lachend an!

Kinderbegegnungen

Ein sehr besonderer Aspekt der Reise sind die verschiede nen Begegnungen mit einheimischen Kindern, die vom Ver ein Rosenkinder unterstützt werden. Bleibender Eindruck: viel Freude, großes Lachen, Offenheit in der Begegnung. Ich stelle mir einen Besuch fremder Ausländer in einer deutschen Schulklasse vor: eher skeptische Blicke, „was wollen die denn von uns?“, abwartende Haltung, Abstand. In Sri Lanka durchgängig: ein großes Willkommen. Sofortige Nähe. Ein Strahlen zur ersten Kontaktaufnahme.

Der Rosenkinderverein unterstützt verschiedene Bildungseinrichtungen (zum Beispiel eine Tanzschule, ein Wai-
senheim für Mädchen, ein Ausbildungszentrum) sowie derzeit insgesamt 64 Kinder und Familien mit einer Rosenkinder-Patenschaft, sodass Schulbesuch oder Ausbildung möglich ist. Beeindruckend dann der Termin zur Überprüfung des jährlichen Schulbesuchs (Voraussetzung für die Förderung): Die Kinder warten ge duldig und ruhig, zeigen stolz ihr Zeugnis, geben Auskunft über Leistung, Lieblingsfach und Zielausrichtung. Freude strahlend, ehrfurchtsvoll, dankbar und voller Zuversicht. Trotz viel Mühsal im Alltag, schwerem Schicksal und harten Lebensbedingungen – für die Zukunft wird gerne gelernt.

Ein Höhepunkt der Begegnungen ist der „Rosenkinder-Day“, der am 26. März als Dank für die vor Ort engagierten ehrenamtlichen Helfer ausge richtet wurde. Schüler und Schülerinnen der „Kandy-Danceschool“ zeigen ein abendfüllendes Programm feinster traditioneller und zeitgenössischer Bewegungen. Selbst der deutsche Botschafter ist vor Ort. Die Botschaft aber kommt von den Kindern: „Schaut, was wir gelernt haben!“ – Wir sind alle tief bewegt!

Autor: Jörgen Habedank
Künstler, Glasmaler, Farbliebhaber, Zeichner, Norddeut scher, Weltbürger. Seit 30 Jahren im Kreis Pinneberg wohnhaft und tätig.

www.farbige-kunst.de